Urban & Städtebau

Residenzplatz

Salzburg · Jänner 2019

Residenzplatz

Residenzplatz – doppelt nachhaltig

Der Residenzplatz ist der größte mitteleuropäische Platz mit poröser Oberfläche und einem Brunnen mit klimaregulierendem Wasserschleier. Sämtliche Neugestaltungsvorschläge seit 1673 waren gescheitert, sei es durch die Ablehnung der Fürsterzbischöfe, sei es durch den Widerstand der Bevölkerung. Nachdem auch das Siegerprojekt Knittel-Rieder des Wettbewerbes 2007, das, wie die meisten Projekte vorher, eine Versiegelung der Platzoberfläche durch Beton mit eingelegten Flusssteinen vorsah, wegen technischer Probleme nicht realisiert werden konnte, wurde 2015 abermals ein Wettbewerb durchgeführt, den wir (Architekten Wagner-Widmann) für uns entscheiden konnten. Kernideen des Entwurfes sind: Wiederherstellen der barocken Topographie Erweiterung der Offenporigkeit des Platzes Respekt vor dem Bestand und Zurückhaltung in der Neugestaltung Klimakonzept mit Entwässerung und Sonne-Schatten-Überlegungen Fortführung des Salzburger Gestaltungsprinzipes der „5.Fassade“ mit der Wahl des Oberflächenmaterials und der Formatgrößen. alle Sinne (auch Haptik & Akustik) ansprechen Rekonstruktion der Barockidee: Der Platz als Membran mit dem Brunnen als Gravitationszentrum und kontinuierlich ansteigenden Ebenen zu den umlaufenden Gebäuden. Dadurch wird die genialen Idee des barocken Brunnenbaumeisters, der den Brunnen ca. 1m unter Platzniveau zur Steigerung der szenischen Perspektivwirkung legte, wieder verständlich. Obwohl der Platz regelmäßig erscheint, ist er doch parallelogrammartig verzogen; der Brunnen besetzt nicht seine geometrische, sondern die optische Mitte. Er ist leicht nach Norden verschoben und hält so mehr Abstand zum Dom als zu den Bürgerhäusern. Besonderes gestalterisches Augenmerk erfordern die Übergänge vom Residenzplatz in das umgebende Platzgefüge: in die „offene Ecke“ hin zum Mozartplatz mit Ausblick auf Kapuzinerberg und Gaisberg, in die „normale Ecke“ zum Alten Markt mit Blick auf die Kuppel der Kollegienkirche, auf die in die Dombögen übergehende Ecke und schließlich auf die „im spitzen Winkel hinter der Domapsis verborgene Ecke“ zum Kapitelplatz mit einer Blickschneise auf die Festung Hohensalzburg.

Die 3-seitig umlaufenden Asphaltflächen wurden samt Gehsteigkanten entfernt und durch Granitflächen mit im Sandbett verlegten Platten auf wasserdurchlässigem Drainagebeton ersetzt. Die Sand-Splitt-fläche dehnt sich nun zulasten der Granitflächen etwas weiter aus als zuvor, wodurch der Platz optisch gedehnt wird. Entsprechend der Bedeutung des Platzes haben die Steinplatten das größte in der Stadt für einen Platz verwendete Format, nämlich 60 x120 Zentimeter. Plattengröße und Fugenteilung stehen in Relation zu den Maßen des Platzes wie auch zur Höhe der umliegenden Gebäude. Zwischen Granitfläche und Sandsplitt, der ebenfalls aus demselben Granit gebrochen ist, sammelt eine Rinne das (Regen)Wasser. Dieser Übergang zwischen Stein- und Splitt-fläche nimmt das Motiv der vor- und zurückspringenden Kanten des Brunnenrands auf. Vor der Neuen Residenz wurde das Mahnmal der Bücherverbrennung positioniert, ein von den Künstlern Fatemeh Naderi und Florian Ziller gestaltetes, einen halben Meter über die Bodenfläche auskragendes Geviert, das einen Blick in die Tiefe der Geschichte freigibt: im Inneren zeigt das beleuchtete Raumquadrat das Skelett eines Buches.

Der Almkanal, der in mehreren Armen die Stadt unterläuft, ist unter dem Platz vollständig erhalten. Die Entwässerung des Platzes erfolgt in drei Systemen (siehe Plan S. 80) Der Granitbelag entwässert in die Rinne zwischen Sandbelag und Granit; die Sandfläche entwässert in das Erdreich, das Oberflächenwasser fliest zum Brunnen; der Fiakerstandplatz entwässert in 2 Ebenen in ein eigenes System.

Fortführung des seit den 90 Jahren erfolgreich durchgeführten Grundkonzeptes der 5. (horizontalen) Fassade. (Jede Veränderung hatte die historische Substanz der den Platz vertikal umfassenden Fassaden und darüber hinaus die städtebauliche Einzigartigkeit der gesamten Salzburger Altstadt zu berücksichtigen. Die Wertigkeit der Wege und Gassen, der Höfe und Plätze sollte in den unterschiedlichen Steinformaten und Steinverbänden zum Ausdruck kommen). Gewählt wurde für die Randbereiche zu den Residenzen und zu den Bürgerhäusern das Steinformat 60/120/16, mit gesandeten Fugen auf durchlässigem Drainbeton In speziell ausgesuchten Blöcken des Herrschenberger Granits finden sich viele Farbnuancen in zahlreiche Varianten von Grau, Ocker und Gelb. Der Platz lässt regennass die Farben kräftiger erscheinen, bei prägnanten Wetterstimmungen und künstlicher Beleuchtung entstehen zusätzliche Lichtreflexe.

Der Fiakerstandplatz wurde in den Domschatten verlegt und erhielt eine Spezialbehandlung, Um dieser spezifischen hohen Belastung des Pferdeverkehrs gerecht zu werden, hat dieser Platzausschnitt einen besonders geschichteten Unterbau und schließlich eine sechs Zentimeter hohe Schichte aus mit Polyurethan verstärktem Sandsplitt. Auch eine Wasserstelle zur Tränkung der Pferde sowie eine spezielle Fäkalrinne mit automatischer Wasserspülung wurde angelegt.

Die offenporige Splittfläche ergänzt ideal das Konzept der „fünften Fassade“, als schlichter Kontrapunkt zur ohnehin prägnanten Architektur. Der Splitt nimmt das Regenwasser gut auf und gibt es rasch wieder ab. Diese „atmende“ Oberfläche entspricht allen ökologischen Anforderungen einer nachhaltigen Klimaregulierung, da sie sommerliche Überhitzung dämpft und Regenwasser wieder dem natürlichen Wasserkreislauf zuführt. Die Feinanteile sind mit einem Substrat aus Spitzwegerich gegen Windvertrag gebunden und nach schweren Beanspruchungen (Duit, Weihnachtsmarkt, Sportkämpfen) wird die Oberfläche nach Wassereintrag in die ursrüngliche Neigung zurück moduliert.

Zusätzlich entsteht beim Gehen Knirschen und die Schallreflexion am Platz ist weicher.